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Selbständigkeit · Ärzte 11 min Lesezeit

Privatpraxis als Arzt eröffnen in der Schweiz — Schritte 2026

Eigene Praxis bedeutet in der Schweiz: durchschnittlich 60% mehr Einkommen als angestellt (CHF 320'000 Median selbständig vs. CHF 200'000 angestellt), aber auch deutlich mehr Verantwortung. Hier die wichtigsten Schritte und realistischen Zahlen.

Jannick Oberbeck

Jannick Oberbeck

Head of Recruiting · heroscout

Voraussetzungen — was Sie haben müssen

  • FMH-Facharzttitel (oder Anerkennung durch MEBEKO bei ausländischer Ausbildung)
  • 3 Jahre nachgewiesene Praxistätigkeit in der Schweiz (gemäss KVG-Zulassung) — diese kantonale Hürde wurde 2022 verschärft und bleibt Standard.
  • Berufsausübungsbewilligung des Kantons, in dem die Praxis liegt
  • ZSR-Nummer (Zahlstellenregister-Nummer) für die Abrechnung mit Krankenkassen
  • Haftpflichtversicherung mit ausreichender Deckungssumme (CHF 5-10 Mio. Standard)

Die 6 Schritte zur eigenen Praxis

  1. Schritt 1: Standortwahl & Marktanalyse (Monat 1-3)

    Bedarfsanalyse für Ihre Fachrichtung in der Zielregion. Wie viele Kollegen gibt es bereits? Wie sieht die Demografie aus? Welche Versorgungslücken existieren? Gute Standorte sind oft periphere Regionen mit Ärztemangel — finanziell attraktiver als Zentrum.

  2. Schritt 2: Bewilligungen einholen (Monat 2-4)

    Berufsausübungsbewilligung beim kantonalen Gesundheitsdepartement beantragen (Dauer 2-6 Wochen, Kosten je nach Kanton CHF 200-1'000). ZSR-Nummer bei SASIS/santésuisse beantragen (Dauer 2-4 Wochen, kostenpflichtig).

  3. Schritt 3: Räume und Geräte (Monat 3-6)

    Praxisräume mieten oder kaufen. Faustregel: 60-100 m² für Einzelpraxis, 100-200 m² für Doppelpraxis. Medizintechnik je nach Fach (Allgemeinmedizin: einfach, Radiologie/ Gynäkologie: 6-stellig).

  4. Schritt 4: IT & Abrechnung (Monat 4-5)

    Praxis-Software (Vitomed, Comatech, AeskuLink u.a.) — monatliche Kosten CHF 100-500 je nach System. Anschluss an TARMED-Abrechnung und elektronisches Patientendossier.

  5. Schritt 5: Versicherungen & Vorsorge (Monat 5-6)

    Berufshaftpflicht (Pflicht), Praxisversicherung, BVG-Lösung, Krankentaggeld. Als Selbständige:r müssen Sie Ihre AHV/IV selbst regeln (Pflicht-Anmeldung bei AHV-Ausgleichskasse).

  6. Schritt 6: Eröffnung & Patientenakquise (Monat 6+)

    Website, Google Business Profile, Zuweiser-Netzwerk aufbauen, Eröffnungsfest für Kollegen und potenzielle Zuweiser. Erste 6-12 Monate meist mit Unterauslastung — Finanzierung muss diese Phase überbrücken.

Realistisches Einkommen — was Sie verdienen können

Selbständige Ärzt:innen verdienen in der Schweiz im Mittel deutlich mehr als angestellte:

  • Allgemeinmedizin/Hausarzt: CHF 250'000–400'000 brutto pro Jahr
  • Innere Medizin: CHF 270'000–500'000
  • Gynäkologie: CHF 280'000–550'000
  • Dermatologie: CHF 280'000–500'000 (mit ästhetischer Sprechstunde mehr)
  • Radiologie (mit eigenem MRT): CHF 400'000–800'000+
  • Orthopädie/Chirurgie (mit Belegarzt-Funktion): CHF 350'000–700'000
  • Augenheilkunde mit Operationen: CHF 350'000–600'000
  • Psychiatrie (Praxis): CHF 180'000–280'000 (tendenziell tiefer als angestellt!)

Wichtig: Dies sind Bruttoeinkommen vor Praxiskosten. Nach Abzug von Personalkosten, Miete, Versicherungen, IT etc. bleibt typischerweise 50-70% übrig.

Investition — was es kostet

Einrichtungskosten je nach Fach:

  • Allgemeinmedizin/Innere: CHF 100'000–300'000 (Einrichtung, IT, Geräte)
  • Gynäkologie/Dermatologie: CHF 200'000–500'000
  • Radiologie mit MRT/CT: CHF 1.5–4 Mio.
  • Orthopädie mit OP-Möglichkeit: CHF 500'000–1.5 Mio.
  • Plastische Chirurgie/Ästhetik: CHF 300'000–800'000

Finanzierung erfolgt typischerweise via Bankkredit (Geschäftskredit) — Schweizer Banken finanzieren Ärzte gut, weil das Berufsrisiko gering ist. Eigenkapital-Anteil: 20-30%.

Vor- und Nachteile gegenüber Anstellung

Vorteile

  • • Höheres Einkommen (Mehr-Median 60%)
  • • Volle Autonomie (Patienten, Zeit, Methoden)
  • • Eigene Marke aufbauen
  • • Steueroptimierung möglich
  • • Praxisverkauf später wertvolles Asset

Nachteile / Risiken

  • • Hohe Initialinvestition
  • • Unternehmer-Risiko (Auslastung, Personal)
  • • Bürokratie & Abrechnung
  • • Keine bezahlten Ferien/Krankentage
  • • AHV/Vorsorge selbst regeln

Stolperfallen — was oft schief geht

  • Unterschätzte Anlaufzeit: Erste 6-12 Monate meist mit nur 50-70% Auslastung.
  • Standort zu zentral: Hohe Mieten + Konkurrenz. Periphere Standorte oft profitabler.
  • Falsche Software: Wechsel später teuer. Vorher Tests einplanen.
  • Personal-Mismatch: Eine erfahrene MPA kann die Praxis machen oder brechen.
  • Bewilligung verzögert: ZSR-Nummer-Beantragung früh starten — Verzögerungen kosten Monate.

Alternative: Partner in bestehender Praxis

Wer nicht von Null starten will: Einstieg als Partner in eine bestehende Praxis ist oft der risikoärmere Weg. Kosten typisch CHF 50'000–500'000 für den "Goodwill" (Patientenstamm-Übernahme). Wir kennen viele Ärzte, die Partner suchen — sprich uns an.

Praxis übernehmen statt aufbauen?

Wir kennen Ärzt:innen, die in den nächsten 1-3 Jahren ihre Praxis übergeben — oft an Nachfolger, die wir vermitteln. Schreib uns, in welcher Fachrichtung und Region du suchst.

Praxis-Übernahme besprechen

Fazit

Eine eigene Praxis ist finanziell und beruflich attraktiv, aber kein "Selbstläufer". Wer die Initial-Investition stemmt, einen passenden Standort findet und 12-18 Monate für den Aufbau einplant, kann seine Einkommen gegenüber dem angestellten Vergleichsprofil deutlich steigern. Wer das Risiko scheut, fährt mit einer Partner-Einstieg oder einer gut bezahlten Privatklinik-Anstellung (Honorar-Pool) ähnlich gut.

Facharzt-Berufsbild

Karrierepfade nach dem FMH-Titel

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Vergleich angestellt vs. selbständig

Spital-Typen Vergleich

Uni vs Kanton vs Privatklinik